Ein Experiment zwischen Mensch und Maschine
Viele von Ihnen haben mich nach »meinem Weg« gefragt. Da ich lieber an meinen Büchern arbeite, als alte E-Mails zu sortieren, habe ich ein Experiment gewagt: Ich habe mich von einer KI interviewen lassen, die wusste mit wem sie sprach und meinen Weg genaustens recherchiert hatte. Ich wollte wissen: Kann eine künstliche Intelligenz die richtigen Fragen zu einer über 45-jährigen Karriere stellen? Das Ergebnis war überraschend präzise. Die KI hat gebohrt, und ich habe geantwortet – direkt, ungeschönt und so, wie ich es auch nachts um drei am Schreibtisch tun würde.
Mein Weg: Ein Gespräch mit Michael Gradias
Frage: Michael, viele kennen dich als Experten für Fotografie und Software. Aber wie fing eigentlich alles an? Gab es diesen einen Moment, der dich zum Schreiben gebracht hat?
Michael Gradias: Es war eigentlich eher ein »umgedrehter« Weg. Um 1990 habe ich sehr erfolgreiche 3D-Filme für das IWF (Institut für den Wissenschaftlichen Film) in Göttingen produziert. Ich wurde daraufhin gebeten, einen Fachartikel darüber zu schreiben, wie ich das technisch umgesetzt habe. Dieser Artikel kam so gut an, dass daraus immer längere Beiträge in Fachzeitschriften wurden – und schließlich mein allererstes Buch. Als die Nachfrage nach 3D-Filmen damals einbrach, konzentrierte ich mich voll aufs Schreiben. So wurde aus dem Filmemacher der Buchautor.
Frage: Du hast inzwischen die beeindruckende Zahl von 213 Büchern veröffentlicht. Was treibt dich an, dich immer wieder in neue Themen einzuarbeiten?
Michael Gradias: Da gibt es eigentlich nur einen Grund: Ich war schon immer extrem neugierig. Diese Neugier ist der Motor für alles, was ich tue.
Frage: Deine Leser schätzen, dass du selbst komplexe Technik sehr verständlich erklärst. Wie hast du diesen besonderen Schreibstil entwickelt?
Michael Gradias: Mein Ansatz war von Anfang an sehr praxisnah: Ich schreibe meine Bücher so, als würde jemand direkt neben mir sitzen, dem ich etwas erkläre. Diese Methode stammt wahrscheinlich aus meiner Zeit zu Beginn der Computergrafik ab 1990, in der ich viele Schulungen gegeben habe. Dieses »Erklären auf Augenhöhe« habe ich einfach beibehalten.
Frage: In deiner Arbeit treffen Technik und Ästhetik aufeinander. Bist du eher der präzise Techniker oder der kreative Künstler?
Michael Gradias: Ich würde sagen: Beides in beidem. Der Anteil liegt vermutlich ziemlich genau bei 50:50. Ohne das technische Verständnis könnte ich die Werkzeuge nicht meistern, aber ohne den künstlerischen Blick gäbe es kein Ergebnis, das es wert wäre, gezeigt zu werden.
Frage: Über 200 Bücher schreibt man nicht »einfach so«. Wie sieht es mit deiner Arbeitsdisziplin aus?
Michael Gradias: Ganz am Anfang musste ich mich tatsächlich zur Disziplin zwingen. Ich führe zum Beispiel seit Beginn meiner Karriere »Stundenzettel«, um meine Zeit im Blick zu behalten. Heute, nach 213 Büchern, ist das natürlich viel Routine und pure Erfahrung. Ich weiß heute einfach, wie es geht.
Frage: Die Technik verändert sich rasend schnell. Wie schaffst du es, da immer am Ball zu bleiben, ohne den Überblick zu verlieren?
Michael Gradias: Ich nutze ein Prinzip, das ich als Kind in der Schule gelernt habe: Es ist wichtiger zu verstehen, wie man addiert, als nur »1+1« auswendig zu lernen. Wenn man die Mechanismen der Bildbearbeitung einmal im Kern richtig verstanden hat, kann man jedes Programm bedienen. Die Werkzeuge ändern sich, aber die physikalischen und logischen Grundlagen bleiben oft dieselben.
Frage: Gibt es ein Projekt in deiner Laufbahn, das dir ganz persönlich besonders am Herzen liegt?
Michael Gradias: Ja, das Thema »Nikon-Fotografie«. Das hatte ganz persönliche Gründe für mich, war aber zum Glück trotzdem sehr erfolgreich. Da floss viel Herzblut hinein.
Frage: Wenn du heute auf deinen Weg zurückblickst – welchen Rat hättest du deinem jüngeren Ich gegeben?
Michael Gradias: Ich habe es eigentlich mein Leben lang genau andersherum gemacht: Ich habe mich immer an den Rat eines 14-jährigen Jungen erinnert. Dieser Junge war ich selbst. Ich hatte damals meine Lebensträume und Ziele in einem Buch aufgeschrieben. Und diese Liste habe ich – bis auf einen einzigen Punkt – im Laufe meines Lebens der Reihe nach »abgearbeitet«. Mein Weg war also im Grunde die Erfüllung der Träume meines 14-jährigen Ichs.
Frage: Du hast erwähnt, dass der Wechsel vom Filmemacher zum Autor kein sanfter Übergang war, sondern eher ein »Drama«. Wie blickst du heute auf diese Zeit Mitte der 90er zurück?
Michael Gradias: Es war eine echte Zäsur. 1996 hatte ich beschlossen, ein Haus zu bauen – getragen vom Erfolg meiner 3D-Filme. Doch genau als ich 1997 dort einzog, brachen die Aufträge weg. Da ich aber schon länger für Magazine wie die c’t oder PC Welt geschrieben hatte, lag der Versuch nahe, es mit Büchern zu probieren. Ich fragte bei Data Becker an – der Rest ist Geschichte. Wenn ich heute in meinem Garten stehe, weiß ich: Dieses Haus ist komplett »erschrieben«. Es steht auf einem Fundament aus Worten und Erklärungen.
Frage: Du bist bekannt für deine enorme Disziplin und führst seit Tag eins Stundenzettel. Ist das für dich heute noch Arbeit oder eher ein Ritual?
Michael Gradias: Es fing pragmatisch an: Abgabetermin geteilt durch Seitenanzahl ergab mein tägliches Pensum. Das war reine Selbstdisziplin. Heute ist es ein liebgewonnenes Ritual und ein echter »Schatz«. Ich pflege eine extrem detaillierte Excel-Liste, in der ich alles ablesen kann: Stunden, Seiten, Verdienst pro Stunde – und das seit Beginn meiner Karriere. Diese Transparenz gibt mir eine enorme Sicherheit und Ruhe bei der Arbeit.
Frage: Schon 1994 hast du in deinem Buch »Computergrafik in der Praxis« geschrieben, dass am Ende alles nur Nullen und Einsen sind. Gilt das für dich auch heute noch, wo wir über Künstliche Intelligenz und neuronale Netze sprechen?
Michael Gradias: Absolut. Auch wenn die Ergebnisse der KI heute wie Magie wirken oder durch ein gewisses »Rauschen« organischer erscheinen: Im Kern bleibt es dabei – Strom an, Strom aus. 1 oder 0. Wenn man dieses binäre Fundament einmal verstanden hat, verliert die Technik ihren Schrecken. Man begreift sie als Werkzeug, nicht als unbezwingbares Rätsel.
Frage: Dein Projekt zur »Nikon-Fotografie« hat eine sehr tiefe, persönliche Ebene. Welche Rolle spielte das bei deinem Weg?
Michael Gradias: Eine entscheidende. Dieses Projekt entstand in einer Zeit, als meine Frau schwer erkrankte. Ich dachte damals wirklich, es würde mein allerletztes Buch sein, und habe alles hineingegeben, was ich wusste und fühlte. Meine Frau hat bis zu ihrem Tod 2011 alle meine Bücher lektoriert. Heute erfüllt es mich mit einem gewissen Stolz, dass ich ihre Unterstützung weitergetragen habe – inzwischen habe ich mehr Bücher ohne ihr Lektorat geschrieben, als sie zu Lebzeiten begleiten konnte. Sie wäre ganz sicher stolz darauf, dass ich den Weg so konsequent weitergegangen bin.
Frage: Du hast fast alle Ziele deines 14-jährigen Ichs erreicht. Aber ein Punkt sei noch offen, sagtest du: »Ein richtiges Buch« zu schreiben. Was meinst du damit genau?
Michael Gradias: (lacht) Ja, das ist der letzte offene Punkt auf der Liste. Damit meine ich ein Buch abseits von Fachwissen und Anleitungen – vielleicht ein ganz persönliches Werk – vielleicht eine »Biografie«. Wer weiß, wann die Zeit dafür reif ist. Die Neugier darauf ist jedenfalls noch da.